Projekte sind schädlich für die Gesundheit Ihres Unternehmens!

by admin on December 28, 2011

Agileros vs. klassische Projektmanager – Teil 1

Projekte haben sich überlebt. Ihre Tage als Organisationsform sind gezählt. Agile Coaches meinen, Projekte seien ungeeignet, um aktuelle Unternehmensprobleme zu lösen. Sie verhindern die kundenorientierte Wertschöpfung und sind nicht geeignet permanten Wandel wirksam zu steuern. Welche Daseinsberechtigung haben Projekte noch?

Anstatt der klassisch Linien- und Projektorganisationen fordern Agile Coaches die agile Transformation des gesamten Unternehmens. Auch der Begriff des agilen Projektmanagements wird abgelehnt, da dadurch das falsche Bewusstsein nur zementiert würde.

Aus meiner Sicht ist das “Projekt” noch immer eine notwendiger und vailder Begriff. Das Projekt als Bezeichnung ist nicht überkommen, sondern wird nur häufig falsch verwendet. Ursprünglich bezeichnete er eine auf Zeit begründete Organisation, mit dem eindeutigen Arbeitsauftrag versehen, etwas Neues zu schaffen. Er wurde als Abgrenzung zur Regelorganisation definiert, die in der Regel langfristig begründet, alle wiederkehrenden Aufgaben des Geschäftsbetriebs ausführt.

Die allgemein akzeptierte Definition des Begriffs “Projekt” ist:
“Ein Projekt ist ein zeitlich begrenztes Vorhaben mit definierten Anfang und Ende, dass unternommen wird um einen neuartigen Zweck und Ziele zu erreichen. Ein Projekt ist üblicherweise zeitlich begrenzt und häufig durch begrenzt durch das vorhandene Budget oder definierte Lieferergebnisse.

Diese Definition unterstellt weder, dass ein Projekt das Vorhaben nach einem fixierten und detaillierten Plan umsetzt, noch das dieses ein stabiles Umfeld voraussetzt. Diese Definition grenzt ein Projekt als eine zeitlich begrenzte Aktivität um etwas Neues zu schaffen ab, von den Standardabläufen, die in vielen Organisationen vorherrschen.
Diese Abgrenzung ist aus meiner Sicht weiterhin erforderlich und gültig. Insbesondere in Branchen, in denen schrittweise Erweiterungen nicht möglich sind, oder mit einem enormen Anstieg der Grenzkosten verbunden wäre, wie zum Beispiel im Großanlagenbau oder im Baugewerbe.

Der heutige Gebrauch nahezu alles mit dem Wort “Projekt” zu titulieren, für das ein neues Budget zu definieren ist, oder dessen Detailumfang nicht von vorneherein klar ist, richtet großen wirtschaftlichen Schaden an. Dieser Mißbrauch der Bezeichnung ist auf eine falsche Wahrnehmung seitens der handelnden und entscheidenden Manager und ihre Unfähigkeit die Anforderungen der Situation richtig zu verstehen und daraus den richtigen Lösungsansatz und die geeignete Form der Organisation und des Vorgehens abzuleiten.

Problematisch wird die Bezeichnung Projekt dann, wenn das Management nicht in der Lage ist zu identifizieren, ob das “Projekt” in einem stabilen oder einem hochvolatilen Umfeld operiert. Letzteres erfordert einen anderen Managementstil als Ersteres.

Um nun den nächsten Sprung nach vorne zu machen, ist es weder notwendig, noch reicht es aus, dass Wort “Projekt” aus dem Wortschatz zu verbannen. Vielmehr ist es erforderlich, zu einem tieferen Verständnis und einer klaren Unterscheidung zwischen “standardisierten Abläufen”, Projekten und dem Management eines kontinuierlichen Flusses ständiger Veränderungen zu kommen. Für den letzten Zustand, der bereits jetzt schon eine enorme Bedeutung gewonnen hat, fehlt uns leider eine kurze, prägnante Bezeichnunge. Was wiederum bezeichnend für unseren aktuellen Erkenntnisstand ist.

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peterroesch 5 pts

Diese Diskussion wird spannend: manche Unternehmen beginnen gerade Projekte als solche zu verstehen und zu steuern und jetzt das.

rolandduerre 6 pts

Habe jetzt versucht im Kontext zu der Aussage des obigen Artikels den Begriff Projekt Management basierend auf Wikipedia zu definieren. Nicht ganz unerwartet bin ich gescheitert :-) Harter und nicht einfacher Stoff.

Daraus ist der Artikel #65 in meinem Unternehmertagebuch zu diesem Thema geworden: http://bit.ly/zxkJxd

"Was ist das eigentlich – Projekt Management? (Definitionsversuch I)"

Arbeite aber schon an einem weiteren Definitionsversuch von "Projekt Management".

rolandduerre 6 pts

Hi Roland,

dann hätten wir ja eine hinreichende (!) Bedingung für einen guten "Führenden", Unternehmer, Projekt Manager ... gefunden:

"Professionelle Basis" + (Empathie & "Psychische Stärke")

Vielleicht gibt es für (Empathie & "Psychische Stärke") noch einen Begriff, der das umfasst und besser beschreibt.

Für die "Professionelle Basis" würde ich aber neben "Planen, Steuern und Kontrollieren" weiteres (und genauso Wichtiges) fordern wie "Kommunizieren in Wort und Schrift", "Überzeugen", Wissen in diversen Dimensionen, Effizienz, Fähigkeit zur praktischen Güterabwägung, verantwortetes ethisches Gewissen und vieles mehr.

Wobei mir über alle diese (nützlichen bis notwendigen) Qualitäten eine (gute oder befriedigende) "Querschnittsnote" genügen würde. Schön wäre, wenn da da ein paar "Sehr gut" und nicht zu viele "Mangelhaft" dabei wären :-). Übermenschen sind wohl auch hier meistens nur Legenden, auch wenn es so mancher gerne wäre.

(Empathie & "Psychische Stärke") sind dagegen ein "MUSS".

Danke für Deine für mich so guten Gedanken!

rolandspengler 5 pts

rolandduerre :

Ja so kann man es schreiben. Wobei unter Professionalität verstanden werden muss, dass trotzdem die Basis beherrscht wird (also das planen, steuern und kontrollieren).

Aber es ist eben nur die Pflicht und dann kommen wir zur (bei manchen zukünftigen, von uns teilweise schon verwendeten) Kür und die hast Du sehr gut, kurz zusammengefasst.

Deine Schlussfrage erinnert mich an unseren internen Marktplatz und meine Antworten zu Deinem Link. Wenn Hoimar v. Ditfurth 1986 dem Menschen vernetztes Denken abspricht und reine Fähigkeit in Ursache-Wirkungs-Denken zugesteht und daraus den evolutionären Untergang der Menschheit ableitet, dann besteht unsere Hoffnung darin, dass die multimedial erzwungene Wandlung zur Kollaboration uns die Fähigkeit gibt doch zu überleben. Also ja zur letzten Frage.

rolandduerre 6 pts

Zu Roland (Spengler):

Projekt Management heißt (nicht nur laut Wikipedia)

"Planen, Steuern, Kontrollieren".

Du schreibst

"Hindernisse analysieren und sofort beseitigen" und "Umfeld betrachten".

Klingt gut!

Gestern - hat man "gemacht"!

Heute - ist man agil.

Und morgen - wird "geteilt" und "unterstützt"?

Kann man es so betrachten?

MORGEN "gemeinsame Beobachtung und symmetrische Kollaboration"

HEUTE "iterative aber immer noch asymmetrische (doch zumindest kooperative) Steuerung (Führung)"

GESTERN "Hierarchie und Gehorsam"?

Damit wir auch in Zukunft noch leben?.

rolandspengler 5 pts

1. Das Thema ist spannend und ich finde stefanhagen 's-Blog hier hilfreich, da er zu Recht die Unprofessionalität beklagt. Als Projektcoach habe ich zu oft große Projekte erlebt, bei denen das Management Neulinge als Projektleiter eingesetzt hat und dann bei der Auswahl der Berater mehr auf den Preis, als auf die Qualifikation geschaut hat.

2. Ich kenne mich sowohl im klassischen, wie auch im agilen PM aus und arbeite erfolgreich mit praktikablen Ansätzen, in denen ich beide Formen mische. Gerade in meinen erfolgreichen Multiprojekten ging das gar nicht anders. Deswegen stimme ich Gebhard Borck zu, dass es egal ist mit welcher Methode man arbeitet, wenn man weiß was man tut und warum.

3. In Bezug auf "agil" = IT will ich anmerken, dass das agile PM eine Übertragung des Just-In-Time und Kanban aus dem Toyota-Prozesshaus in die IT ist. Leider haben alle in der Folgezeit neue Begriffe dafür eingeführt. Die Logistiker behaupten, Walmart hätte es erfunden und haben dem ganzen neue Namen gegeben, dabei ist es nur "Toyota". Die IT'ler behaupten sie hätten agile Methodik erfunden ...

Letzten Endes geht es doch nur darum, dass man Kleinserienfertigung mit autonomen, selbstbestimmten Teams effizienter hin bekommt.

4. Ich habe bisher nur Projekte mit hochvolatilen Umfeldern erlebt. Der Schlüssel war immer sich die Zeit zu nehmen und seine Umfeld- und Risikoanalyse regelmäßig zu aktualisieren. In einigen Projekten hat es gereicht wöchentlich das Umfeld zu betrachten, in anderen hatten wir auch schon die Notwendigkeit täglich nachzusteuern. m.E. liegt der Erfolg von SCRUM u.a. auch darin, dass es den Scrum Master und sein Team zwingt täglich seine Hindernisse zu analysieren und sofort zu beseitigen.

Roland

rolandduerre 6 pts

Habe ja angekündigt, einen Artikel zu diesem für mich so aufregendem Thema zu schreiben. Das Rohkonstrukt ist jetzt fertig und ich habe verstanden, dass es in einem Artikel gar nicht geht, es werden also mehrere.

In diesen werde ich mit dem Versuch einer oder mehrerer vielleicht unüblichen Definitionen von PM beginnen, dann beschreiben, wie "PM" abhängig vom aktuellen Menschenbild und der aktuellen Gesellschaft ist und den Versuch machen, zu begründen, dass es eigentlich keinen Unterschied zwischen "privaten" und "geschäftlichen" Projekten gibt. Und dann weiter schauen ... :-)

Bei meiner Vorbereitung dazu bin ich auf einen alten Artikel aus meinem Unternehmertagebuch gestoßen: http://bit.ly/brpihm Es ist die Nummer #45 und heißt “'Planen&Ehrgeiz' oder 'Was hat eine Radtour mit einem Unternehmen gemein?'”

Würde mich freuen, wenn der eine oder andere dies liest und mir ein paar Rückmeldungen gibt. Der Artikel ist allerdings ein wenig älter - und ich meine seitdem einiges mehr verstanden zu haben.

Die anderen Artikel würde ich dann auch gerne - wenn es Jens Recht ist - hier ankündigen.

Roland

rolandduerre 6 pts

In der drei Groschenoper gibt es viel weise Lieder :-)

Ja, mach nur einen Plan

sei nur ein großes Licht

und mach dann noch 'nen zweiten Plan

gehn tun sie beide nicht.

(Bertolt Brecht, Dreigroschenoper)

Oder:

Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem Projektleiter und einem Zitronenfalter?

Antwort: Der Zitronenfalter weiß, dass er keine Zitronen falten kann.

Bitte diesen Beitrag ernst aber nicht zu ernst zu nehmen :-) Danke

rolandduerre 6 pts

Zu Sven:

Klassel.

Ich würde gerne noch These 4 hinzufügen:

Die Werte jedes wirtschaftlichen und sozialen Handelns müssen überprüft werden:

Ist Wachstum noch ein valider Erfolgsindikator?

Sind Zielvereinbarungen noch zeitgemäß (als Beispiel von Belohnungs- und Bestrafungsstrategien)?

Lenkt das System die Menschen oder steuern die Menschen das System?

Ist die Zukunft gestaltbar oder kann man eh bestenfalls nur die Evolution beeinflussen?

Selektion versus Kollaboration/Kooperation?

Emphatie versus Rationalität?

....

Sven Kraeuter 8 pts

Habe mir die Freiheit genommen, meinen 590 Wörter langen Kommentar etwas zu kondensieren. Hier in 72 Wörtern zusammengefasst, die ausführliche Variante gibt es weiterhin auf Google+.

These 1 "Das Framework / die Technologie Management wie wir es kennen ist veraltet. Wir brauchen eine neue Art der Zusammenarbeit, die intrinsische Motivation fördert & die persönliche Entwicklung des einzelnen als zentralen Aspekt hat."

These 2 "SCRUM ist nur ein weiteres Framework, mit dem eine Führungsebene von der eigentlich Arbeit entfremdet wird, und vice versa."

These 3 "Nicht nur das Produkt, auch der Prozess muss einer ständigen Prüfung & Verbesserung unterliegen"

Wagnerr 5 pts

Hallo, die Diskussion gefällt mir, weil sie sich mit der inflationären Verwendung des Begriffs Projekt und Projektmanagement beschäftigt. Allerdings sind wir da selbst schuld. Ein interessantes Buch von Daniel Defoe, weit vor unserer Zeit geschrieben, nämlich dem 17. Jahrhundert, dem Projekte-Zeitalter (http://www.amazon.de/Ein-Essay-%C3%BCber-Projekte-...) bringt er die Sache auf den Punkt: nicht um Management geht es, sondern um "den gesunden Menschen-verstand" den man nur einsetzen müssen, um das Beste zu erreichen, und damit meint er das Wohle der Menschen und der Gesellschaft. Die Prozessorientierung hat erst viel später Einzug ins Projektmanagement gehalten, genauer gesagt Mitte des 20. Jahrhunderts in den USA. Dort hat man Projektmanagement auf Basis des Operations Research entwickelt und alles einer planbaren Abfolge "unterworfen", dass das heute nur noch in wenigen Kontexten funktioniert ist eh allen klar, deshalb zeiht für mich auch die Unterscheidung in "klassisch" und "agil" nicht, mit "agil" wird nur heute eine andere Vorgehensweise beschrieben (interessant, hauptsächlich wieder aus den USA getrieben ;-)), die aber kein wirklich neues Projektemachen erlaubt. Wirklich andere Konzepte gibt es z.B. hier: http://www.zeitschrift-praeview.de/data/praeview_n.... Dabei verlassen wir das zweckrationale Handeln und gehen (zurück) auf das schöpferische, kreative Handeln, um Neues zu schaffen, habe vor Weihnachten noch einen Improvisations(musiker) für die nächste interPM (www.interpm.de) als keynote eingeladen, das verspricht aus meiner Sicht wirklich andere Vorgehensweisen als alles, was ich bislang so als "agil" gehört habe.

Grüße aus dem Schnee

Reinhard Wagner

Sven Kraeuter 8 pts

mein Kommentar hat leider die Grenzen gesprengt, habe an Deinem G+-Post gehängt:

https://plus.google.com/110659794033480773790/post...

Enjoy!

jenshoffmann 12 pts moderator

Danke für diese Diskussion, das war genau, was ich erreichen wollte. Jetzt müssten sich nur ein paar Agilos wie olaf lewitz , sven_kr oder michael_leber an der Diskussion beteiligen, damit dieses ein ausgewogenes Panel wird :-).

Aus meiner Sicht sehe ich wie stefanhagen die Notwendigkeit ein neues Organisations-, Führungs- und Managementverständnis für das 21. Jahrhundert zu entwickeln. Aus meiner Sicht wird diese im wesentlichen durch das "und" geprägt sein, wie rolandduerre richtig schreibt. So ist auch die wesentliche Nachricht meines Posts, dass wir es mit einem Umfeld zu tun haben, welches zum einen geprägt ist, durch eine hohe Veränderungsrate, aber auch durch Stabilität an anderen Stellen. Das wir uns Geschäftsmodellen gegenüber sehen werden, die zum einen stetige Kreativität, Erschliessen neuen Wissens und Dynamik erfordern und zum anderen Skalierbarkeit und Globalisierbarkeit notwendig machen.

Daneben geht es mir auch darum, Selbstorganisation und visionäre Führung miteinander zu verbinden, da aus meiner Sicht viele Entscheidungssituationen besser mit der Weisheit der Vielen gelöst werden, aber wesentlich Neues durch die Leidenschaft und den Drive von Individuen geschaffen wird.

Derartige Herausforderungen werden auch als "wicked problems" bezeichnet. Das sind im wesentlichen Probleme, die sich mit jeder implementierten Lösung erneut verändern. Da ich die für mich relevanten Herausforderungen im wesentlichen als Dualitäten beschrieben habe, halte ich den Ansatz von stefanhagen diese Polaritäten bewusst zu steuern für einen wichtigen Pfeiler der neuen Managementlehre.

stefanhagen 10 pts

Ich möchte nochmals nachlegen.

1) Wir brauchen definitiv ein neues Organisations-, Führungs- und Managementverständnis für das 21. Jahrundert.

2) Agiles Management versucht im Kern nichts anderes, als komplexe, teilweise unplanbare Aufgabenstellungen mit selbstorganisierten Teams (effizient und effektiv) zu bewältigen. Das ist nichts Anderes als angewandte Systemtheorie.

3) Um aber die "neue, höhere Form" der Organisation, der Führung und des Managements (= Selbstorganisation = agiles Management = agil geführte Organisationen) verstehen zu können, muss man zuerst die "alte, trivialere Form" verstanden haben.

4) Genau an diesem Punkt beschleicht mich teilweise der Eindruck, dass die "Experten" der einen (klassisch) oder der anderen (agil) Denkrichtung zu wenig über die jeweils andere "Welt" wissen, um wirklich die richtigen, zukunftsfähigen Schlüsse und Konzepte abzuleiten.

Wir brauchen integrative, systemische Ansätze, um die kommenden Herausforderungen zu bewältigen. Dafür brauchen wir zumindest

- gemeinsam getragene Werte und Prinzipien,

- ein offenes, konstruktives und kritisches Gesprächsklima sowie,

- "echte" Expertise (theoriegeleitete Praxis, praxisgeleitete Theorie).

HeikoKanzler 5 pts

stefanhagen Punkt 4 ist IMO ein wesentlicher erfolgsverhindernder Faktor. Ich mag es nur ungern schreiben, aber ich bemerke bei vielen Kollegen gerade bei Großprojekten, eine gewisse Beratungs- und Lernresistenz.

stefanhagen 10 pts

HeikoKanzler Das sehe ich auch so. Lieber mal die eigene Komfortzone nicht verlassen, in der man kompetent ist (oder glaubt, es zu sein). Das erzeugt arrogante und selbstgefällige Haltungen in beide Richtungen.

HeikoKanzler 5 pts

stefanhagen Aber da steckt (unter anderem) mein Dilemma. Ich werde gebeten Veränderungen einzuführen und pralle vor eine Kompetenzbarriere. Diese Angst vor Neuem und der Gefahr auch mal zu scheitern. Woraus zieht man denn dann neues Wissen, neue Erfahrungen?

Machen wir uns nichts vor: wir müssen erst mal selbst lernen, Veränderungen zuzulassen bevor wir Unternehmen verändern wollen. Alles andere ist doch zu prophetisch!

(Ich neige gerade zum Fatalismus, wie ich feststelle. Man möge es mir nachsehen)

jenshoffmann 12 pts moderator

HeikoKanzlerstefanhagen Es herrscht aufgrund der großen Unsicherheit, die viele Manager und Berater gerade beschleicht, auch eine Zementierung des Lagerdenkens vor. Man sucht Bestärkung und Sicherheit im Angesicht der großen Ungewissheit. Aber diese Sicherheit entsteht nur, in dem man sich bewegt und balanciert, dass wissen insbesondere die Radfahrer unter uns :-)

gebhardborck 5 pts

stefanhagen Puhh, auch hier noch mal.

Ich glaube es gibt keine höhere oder tirvialere Form der Führung und des Managements. Das ist genau die Krankheit, die wir Management nennen. Wenn es eine höhere und eine triviale Form gibt, braucht es Experten, die diese Formen verwalten, administrieren, lehren, diskutieren, disputieren, verteilen, verteidigen und den ganzen anderen Quatsch. Natürlich auch, damit wir uns alle - je nach Zugehörigkeit - vollkommen sinnfrei dafür allerdings monatelang darüber austauschen können (mahl besser erzogen mahl höchst unfreundlich).

Und sowohl als auch hat eine - zugegebenermaßen radikale - und doch unausweichliche Grenze. Leben und Tod. Alles, über das wir hier reden hat lebendige Akteure (Menschen) und tote Werkzeuge (Programme, Prozesse, Produkte, Methoden, Tools, Software, Strukturen etc.).

Heute stellen wir das Tote allzu oft über das Lebende. Richten uns nicht selten nach den Dingen anstatt nach den Lebenden. Viel zu häufig dienen da die Menschen den Dingen, heiligt der Zweck die Mittel des Vorgehens - das hat Menschheitshistorisch zu mehr Schaden an der eigenen Rasse geführt, als alle Armut und Epidemien zusammen.

Klar ist: Beide hängen untrennbar zusammen und doch gibt es eine entweder oder Entscheidung - nur die lebendigen Menschen sind im Stande, die toten Sachen zu nutzen und nicht umgekehrt. Entweder wir fangen an das einzusehen und uns danach zu richten oder eben nicht.

Ob agil oder mechanisch ist doch wurscht und deshalb natürlich ein sowohl als auch, sind ja beides Dinge.

Ob wir die Dinge über die Menschen stellen oder nicht, das ist keineswegs egal ...

Gruß

Gebhard

lazyNadja 5 pts

stefanhagen stimme vor allem dem Punkt 4 zu, beschäftige mich allein deshalb seit November so viel mit der agilen Methodik, als müßte ich morgen Softwareprojekt übernehmen. Projekte gab es schon immer und wird es immer geben. Was daraus wird, wird durch die Menschen in Organisationen gestaltet, und hier wirds spannend.

stefanhagen 10 pts

HeikoKanzler : Ich würde es niemals wagen, Dich (verbal) zu steinigen ;-) Dafür schätze ich Dich doch viel zu sehr.

1) Gegen Pragmatismus und Leichtfüßigkeit ist natürlich überhaupt nichts einzuwenden.

2) Wir haben keinen Dissens, was die Definition von "Projekt" angeht.

3) Wenn ich Jens richtig verstanden habe, stellt er die Hypothese auf, dass der Projektbegriff aus einer Zeit stammt, in der Aufgabenstellungen, Situationen und Umfelder noch relativ stabil waren. Deshalb spielen deterministische Planung, Organisation und Steuerung in "klassischen PM-Ansätzen" auch eine so große Rolle.

4) Im 21. Jahrhundert haben wir es aber immer häufiger mit komplexen, dynamischen und hochvolatilen Aufgabenstellungen und Umfeldern zu tun. Die Frage, ob der urspüngliche Projektbegriff (konkretes Ziel/Produkt, Anfang/Ende, begrenzte Ressourcen) noch praktikabel ist, ist durchaus berechtigt und keinesfalls trivial.

5) Entsprechend halte ich es auch für legitim, die Diskussion auf der Grundlage theoretischer Erkenntnisse zu führen. Wir sind uns aber natürlich einig, dass das Einzige, was wirklich zählt, die sinn- und wirkungsvolle praktische Umsetzung ist. Und dieser Praxistransfer ist naturgemäß weitaus schwieriger, als ein bisschen "theoretisch zu philosophieren" :-)

HeikoKanzler 5 pts

stefanhagen Ich gestehe meinen fachlich völlig sinnfreien Kommentar ein wenig ironisch gemeint zu haben. :-)

(Den Rest meines umfangreichen Kommentars habe ich gelöscht da Du mir sinngemäß und inhaltlich zuvorgekommen bist)

rolandduerre 6 pts

Huch, das wollte ich ja gar nicht anrichten. Habe nur zwischen den Jahren ein wenig mehr Zeit als sonst gehabt ...

Aber immerhin ist ja eine Diskussion entstanden. Das finde ich gut. Ich wollte aber nur signalisieren, dass ich von den Gedanken von Jens und Stefan beeindruckt bin und spontan und unausgereift meine Gedanken dazu abgeben. Jetzt werde ich meinen Artikel schreiben und dann um Steinigung bitten :-) - wird aber ein wenig dauern.

Zu Stefan:

Wir sind wieder mal total einig: "Sowohl als auch" ist immer besser als "Entweder oder". Das ist übrigens auch eine der acht Thesen des Hans Ulrich zu “Umdenken im Management” (1954 bis 1985 ordentlicher Professor an der Hochschule St. Gallen, besser bekannt als Vater des St. Gallener Management Modells) aus den 80iger Jahren. Wenn ich aber 1985 (!) in einem SW-Projekt von "extrem programming" oder "agilem PM" gesprochen habe, bin ich auch "gesteinigt" worden und habe es dann besser sein gelassen. Obwohl wir unser Software (Produkt CLOU/HIT auf SINIX, allein Siemens hat damit in 10 Jahren 500 Millionen Umsatz gemacht), absolut agil entwickelt haben.

Heute haben die gleichen Unternehmen "scrum-centers" :-)

Lieber Stefan, in der Realität hast Du nach meiner Bewertung völlig recht.

Es gibt aber auch eine Utopie - in der vielleicht manche schon angekommen sind. Und so könnte ich mir vorstellen, dass es in Zukunft (Unternehmens- oder Organisations-)Strukturen gegen wird, in denen kleinste Einheiten Mikroprojekte durchführen, die sich auf wundersame Art und Weise zu großen Entwicklungen ergänzen, ohne dass überhaupt noch einer versteht, wie das funktioniert. Mag man heute als Utopie abtun - so wie die Möglichkeit einer strafffreien Gesellschaft. Aber es gibt ja Utopien die auch mal unvorstellbar waren und dann wahr geworden sind (siehe Bürger- oder Frauenrechte).

Ich meine, dass der Jens entscheiden sollte, ob wir die Diskussion hier "philosophisch" fortsetzen sollen. Immerhin ist es sein Blog und ich möchte seine Intension auf jeden Fall respektieren. Aber er hat ja mit seinem Artikel einen großen "Stein ins Wasser geworfen (zumindest habe ich da so empfunden).

Bin jetzt wieder ganz still ...

HeikoKanzler 5 pts

rolandduerre Ich bin auf den kommenden Artikel von Dir sehr neugierig. Vor allem die Ableitung des gescheiterten Kommunismus mit seiner Planwirtschaft und die Parallelen zur Natur (Schwarmintelligenz vs. planvollem Handeln)

HeikoKanzler 5 pts

Entschuldigt mich wenn ich hier mal reingrätsche. Aber aus den pragmatischen und agilen Denkansätzen jetzt wieder eine wissentschaftliche Diskussion zu machen endet doch da, wo der Autor nicht hin wollte.

Wir diskutieren und finden immer neue Gründe und Erklärungen. Vielleicht sollte man mal wieder Ballast über Bord werden (auch Methoden, dafür wird mich stefanhagen jetzt steinigen) und leichtfüssig anfangen. Mit einer einfachen und

simplen Definition:

Ein Projekt ist ein einmaliges Vorhaben mit dem Ziel ein konkretes Produkt zu liefern. Es hat einen Anfang, ein Ende und unterliegt Zwängen wie Budget, Zeit.

Mehr ist doch gar nicht nötig.

stefanhagen 10 pts

rolandduerre : Deine (un)vernünftigen Gedankensplitter treffen sicher einen wichtigen Punkt. Denn die Analogien zur Natur sind natürlich auch in diesem Fall zulässig und treffend. Allerdings denke ich, dass wir doch die eine oder andere Differenzierung treffen müssen, denn die Funktionsweisen und -prinzipien aus der Natur sind meines Erachtens nicht 1:1 übertragbar.

Wir sind uns einig, dass der Grad der Selbststeuerung in Teams, Organisationen und auch in der Gesellschaft noch viel zu gering ist. Gleichzeitig wissen wir, dass selbstorganisierte Systeme wohl die "höchste Form" der Organisation darstellen (nicht zu verwechseln mit chaotischen, ungeordneten Systemen).

Jedoch glaube ich, dass die nächste Evolutionsstufe in puncto Organisation, Führung, Management und Zusammenarbeit darin bestehen wird, dass wir auf bestehendem Wissen und guter Praxis (inkl. gute Management-Praxis) aufsetzen und diese auf eine höhere Ebene bringen. Dadurch wird das bestehende Wissen nicht obsolet, sondern nur durch Neues ergänzt.

Mein persönliches (Zwischen)Fazit: Nicht entweder-oder, sondern sowohl-als-auch.

rolandduerre 6 pts

Ich finde Artikel von Jens und Kommentar von Stefan hoch aufregend. Werde in IF-Blog.de einen eigenen Artikel mit meinen Gedanken verfassen. Hier vorab ein paar vernünftige oder auch völlig unvernünftige Gedankensplitter (bzw. die Cents, die ich so schnell in meinem Beutel finde).

- Der Kommunismus ist unter anderem wohl auch an der Planwirtschaft gescheitert. Stichworte: 5-Jahres-Plan, Plan-Übererfüllung. Projekte dienen der Erfüllung eines Plans.

- Man stelle sich einen Fischschwarm vor. Was würde passieren, wenn ein paar Fische anfangen würden, einen Plan zu machen und ein Projekt zu unternehmen?

- Steht hinter dem Gedanken von Plan&Projekt nicht ein Menschenbild, wie es im letzten Jahrhundert ja zum Teil sogar in der Betriebswirtschaftslehre gelehrt wurde: "Der Mensch muss sich an die Organisation anpassen, damit der Manager die Organisation steuern muss"? Und vielleicht ändert sich das Menschenbild, wie im evolutionären Prozess permanent alles im Wandel ist (Nichts ist so beständig wie ...)

- Wie viel an erfolgreichen "Projekten" gestalten wir den im Leben als "Projekt"? Denke wir doch mal an den Berufsweg, die Partnerschaftsuche, die Familie. Ist das Projektziel des Lebens der Tod? Ich meine, das Leben im privaten ist auch nicht anders als das Leben im und von Unternehmen. Und ist nicht immer viel mehr der Weg das Ziel?

Soweit die spontanen Gedanken. Denke aber weiter über das Thema nach, schreiben und melde mich dann wieder!

stefanhagen 10 pts

Spannende Diskussion, die Du da anzettelst ;-)

Ich stimme mit Dir überein, dass der Begriff "Projekt" häufig missbraucht wird. Denn die Bandbreite der Aufgabenstellungen, die unter diesem Begriff zusammen gefasst werden, ist tatsächlich sehr groß (stabile vs. hochvolatile Umfelder, relativ gut planbar vs. kaum planbar...).

Ebenso bin ich Deiner Ansicht, dass Entscheidungsträger/innen und Führungskräfte ein tieferes Verständnis für die Vielfalt von Aufgabenstellungen (von hochriskanten Projekten bis hin zu standardisierbaren Geschäftsprozessen) haben sollten.

Allerdings finde ich, dass der Titel Deines Blogbeitrags etwas missverständlich ist. Denn der Titel passt nicht zu Deiner weiteren Argumentation.

Ich denke, wir steuern geradewegs auf ein Zeitalter zu, in dem es immer wichtiger wird, in Polaritäten/Dualitäten, in Spannungsfeldern und in Widersprüchen (Aporien) zu denken und zu handeln. Denn abseits der normativen Wissenschaften - insbesondere in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften - werden wir es immer seltener mit eindeutigen Situationen und Problemstellungen zu tun haben. Führung, Organisation, Management und Kollaboration wird sich in Bandbreiten zwischen Stabilität und Instabilität, zwischen einfach und hochkomplex, zwischen bekannt und unbekannt abspielen. Entsprechend können Vorgehensweisen, Methoden, Strukturen, Prozesse etc. auch nicht mehr ultimativ richtig oder falsch sein, sondern in der jeweiligen Situation angemessen und effektiv oder eben nicht.

Genau dieses Verständnis benötigen wir aus meiner Sicht auch im Projektmanagement.

jenshoffmann 12 pts moderator

stefanhagen Danke für das Weiterführen der Diskussion. Auch wenn der Titel nicht zu meiner Argumentation passt, hat er doch seinen Zweck im wesentlichen erfüllt: er provoziert :-)

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